Was ist schwieriger zu lernen: Französisch oder Latein?


Manche Sprachen sind leichter zu lernen als andere. Sowohl Französisch als auch Latein sind aber leicht zu lernen. Beide sind kaum schwerer als Englisch.

Meine Auffassung mag manchen überraschen. Aber offen gesagt: andere Sprachen sind objektiv schwer. Hier ein paar Beispiele:

Beispiele für wirklich schwierige Sprachen

Es gibt Sprachen, die wirklich schwer zu lernen sind. Beispiele sind:

  • Chinesisch: Um eine chinesische Zeitung zu lesen, braucht man nicht nur 2000 Vokabeln, sondern auch 2000 Schriftzeichen. Keines dieser Schriftzeichen sagt aus sich heraus, wie es auszusprechen ist. Hinzu kommt ein sogenannter “tonaler akzent”. Es kommt bei einer Silbe also darauf an, mit welcher Melodie sie gesprochen wird. Standardchinesisch unterscheidet davon 4. “Ma” kann also vier verschiedene Dinge bezeichnen, je nachdem ob der Ton steigt, fällt etc. Für Europäer, die das aus ihrer eigenen Sprache nicht kennen, ist das objektiv schwer.
  • Arabisch und Hebräisch: diese beiden Sprachen kommen mit einer unvollständigen Schrift. Die Vokale fehlen im Schriftbild, mindestens dann, wenn sie kurz sind. Das heißt: unbekannte Wörter auszusprechen wird zu einem Rätselraten. Auch gibt es kaum Überschneidungen mit dem europäischen Vokabular. Wörter wie Hotel, Restaurant, international etc. sind im Französischen dieselben wie im Deutschen, mit nur kleinen Unterschieden in der Aussprache. Das bedeutet: es ist das komplette Vokabular der Sprache neu zu lernen. Vorkenntnisse aus dem Deutschen oder Englischen helfen nicht weit.

Latein und Französisch sind einfach

Im Vergleich dazu sind Latein und Französisch einfach. Die Grundstrukturen dieser Sprachen sind der deutschen Sprache ähnlich. Alle drei haben eine gemeinsame Herkunft. Die ist zwar schon ein paar Tausend Jahre her, aber man kann sie noch immer gut erkennen. Schwer wird es erst, wenn man nichteuropäische Sprachen mit gänzlich anderer Grammatik lernen will. Chinesisch hatte ich schon genannt. Ergativsprachen (siehe Wikipedia) sind ein weiteres Beispiel.

Halten wir fest: die gute Nachricht lautet, dass Französisch und Latein dem Deutschen ähnlich sind, dass man beide Sprachen lernen kann, und dass beide nicht wirklich schwer sind.

Gleichwohl gibt es ein paar Dinge, auf die man achten muss. Nennen wir sie “kritische Erfolgsfaktoren”. Davon gibt es in jedem Fachgebiet nur eine Handvoll und wenn man die im Griff hat, dann geht das auch.

Gemeinsame Erfolgsfaktoren

Egal, ob du dich für Latein oder Französisch entscheidest, wichtig ist:

  • Vokabeln lernen: Vokabeln sind wie Legobausteine. Wenn man davon genug hat, baut es sich besser. Rechne damit, dass du einen Grund- und Aufbauwortschatz von 1500 Wörtern brauchst. (In Französisch sogar ein paar Hundert mehr, Details siehe hier.) Es lohnt sich, Vokabeln bis zur vollen Geläufigkeit zu lernen. Stell dir vor, du kannst die Vokabeln einfach und brauchst nicht mehr während der Klassenarbeit im Lexikon zu suchen. Das macht die Sprache so viel einfacher. Es lohnt sich daher in jeder Sprache, die Vokabeln gründlicher zu lernen, als die Schule es verlangt.
  • in der Sprache denken lernen: beim Lesen ist das Ziel, den Satz unmittelbar zu verstehen, ohne dass du ihn ins Deutsche übersetzen musst. Beim Schreiben ist es wichtig, den Satz direkt in der Fremdsprache zu formulieren, ohne ihn auf Deutsch vorzudenken. Das ist schneller und vermeidet auch typisch deutsche Fehler. Beides zusammen heißt: du solltest lernen, in der Sprache zu denken. Für Französisch ist das recht einfach zu sehen. Bei Latein unterrichtet die Schule nur das Übersetzen. Ich empfehle aber, auch im Lateinischen anzustreben, den gegebenen Text unmittelbar zu verstehen. Das spart langes Herumrechnen an den Sätzen und es macht auch einfach Spaß. Noch einfacher wird es, wenn du auch einfache Sätze auf Latein selbst sprechen kannst. Wenn du in der Lage bist, einen Big Mac mit Pommes und Cola auf Latein zu bestellen, dann kann dir kein Caesar mehr Angst machen.

Tipps für das Französischlernen

Wenn du dich entschließt, Französisch zu lernen, dann lohnt es sich, diese Punkte zu beachten:

  • Französisch unterscheidet zwei Geschlechter. Die Form der Adjektive hängt davon ab. Beim Sprechen solltest du immer wissen, welches Geschlecht ein Substantiv hat, sonst passt (wie im Deutschen) der Artikel (le, la) nicht, oder es passt die Form vom Adjektiv nicht (grand, grande). Beim Sprechen im Unterricht hast du im Grunde keine Zeit, über das Geschlecht nachzudenken. Es ist daher wichtig, dies so gründlich zu lernen, dass du darin sicher bist. Hier gründlich zu wiederholen, ist gut investierte Zeit.
  • Französisch verschluckt die Endungen. In vielen Fällen wird der letzte Buchstabe des Worts nicht gesprochen (grand, grande). Die Pluralkennung “-s” wird auch nicht gesprochen. Sie muss aber immer mitgedacht werden, sonst fehlt sie beim Schreiben.
  • Da Klassenarbeiten im Französischen meist geschrieben werden, ist es da wichtig, immer das Geschlecht Geschlecht und Einzahl/Mehrzahl mitzudenken, auch wenn die Aussprache gleich ist. Das ist mir damals in der Schule schwergefallen. Im Lateinischen hingegen hat man immer Zeit zum Denken und Analysieren.
  • Französisch hat bei den Verben weniger Formen in der Konjugationstabelle als Latein, es gibt aber deutlich mehr Ausnahmen. Es ist wichtig, die Formen unregelmäßigen Verben sicher zu kennen. Wenn du das Wort beim Sprechen brauchst, willst du nicht mehr überlegen müssen, weil dann der Sprachfluss stockt. In meiner Schulzeit wurde darauf nicht genug Wert gelegt.
  • “Sprache kommt von Sprechen” meinte mein Französischlehrer immer. Französisch setzt aktives Sprechen voraus. Dazu braucht es am Besten Übungspartner, mit denen man immer wieder kleine Dialoge auf Französisch übt.
  • Französisch ist eine schnelle Sprache. Das Sprechtempo in Filmen ist hoch. Jedenfalls fühlt es sich so an. Es braucht Übung, um da hinterherzukommen. Manch ein Hollywoodfilm auf DVD oder BluRay hat eine französische Tonspur. Schaue dir Filme an, die du schon kennst, und schaue sie mit französischer Tonspur und (ganz wichtig!) französischen Untertiteln. Mach zu Anfang immer wieder mal Pausen, suche dir für die Handlung wichtige Wörter raus, wenn du sie noch nicht kennst. Und lerne, das Französisch in der tatsächlichen Sprechgeschwindigkeit zu verstehen. Auch das wird man in der Schule nicht machen. Aber jede Stunde, die du abends zum Abhängen auf Französisch verbringt, schafft Routine, die dir in der Schule hilft.

Tipps für das Lateinlernen

Mein wichtigster Tipp ist, lateinische Sätze selbst zu bilden, zuerst einfache und dann auch kompliziertere. Nichts prägt die Bedeutung von Genitiv, Akkusativ oder Ablativ so ein, wie diese selbst zu gebrauchen. Darüber hinaus gibt es eine Handvoll von lateinischen Sonderlocken, auf die es sich lohnt zu achten. Beim Übersetzen eines lateinischen Satzes lohnt es sich, diesen Werkzeugkasten immer parat zu haben und zu schauen, ob das gerade vorkommt.

  • Ablativ: hier wird in der Schule unterrichtet, wie der Ablativ zu übersetzen ist. Meiner Meinung nach ist es wichtig, den Ablativ unmittelbar zu verstehen. Der Ablativ als Fall bezeichnet ein Mittel, ein Werkzeug, ein Instrument. Das ist seine ursprüngliche Bedeutung. Nun gibt es im Deutschen keinen Ablativ (mehr). Aber stellen wir uns vor, es gäbe einen. Sowohl bei Substantiven als auch beim Artikel. Stellen wir uns das Wort Hammer vor. Wir leihen uns vom Lateinischen das -o für den Ablativ der o-Deklination. Der Hammer, des Hammers, dem Hammer, den Hammer, do Hammero. Und jetzt bilden wir damit einen Satz. Aus “ich habe den Nagel mit dem Hammer eingeschlagen” wird “ich habe den Nagel Hammero eingeschlagen”. Das übst du mit verschiedenen Wörtern so lange, bis dein Kopf das abspulen und verstehen kann. Und schon hast du den Ablativ verstanden. Und wenn du das kannst, dann kannst du auch den Ablativ im Lateinischen direkt verstehen, ohne ihn übersetzen zu müssen.
  • AcI, der “Akkusativus cum infinitivo”. Den gibt es auch im Deutschen: “Ich sehe ihn kommen.” Im Lateinischen geht das aber mit allen Verben der Empfindung, auch da wo es im Deutschen sperrig ist, oder eigentlich gar nicht geht. “Ich höre ihn kommen.” oder “Ich hoffe ihn kommen”, “Ich wünsche ihn kommen”. Mein Tipp: lerne den AcI zu verstehen, übersetze ihn zu Lernzwecken wörtlich ins Deutsche, so lange bis du deinem Gehirn beigebracht hast, den AcI beim Lesen zu verstehen. Und erst dann, wenn du eine Arbeit schriftlich abliefern musst, bringst du das in eine schriftsprachliche deutsche Form.
  • Die Konjugationstabellen bei den Verben und die Deklinationstabellen bei den Adjektiven und Substantiven sind das Rückgrat der lateinischen Sprache. Es lohnt sich, diese vorwärts, rückwärts und quer zu können. Das hilft auch bei schwierigen Übersetzungsaufgaben. Ist das hier ein Dativ? Moment mal, wie heißt der Dativ von diesem Substantiv? Ach so, das ist ja gar kein Dativ. Beim Analysieren eines umfangreicheren Satzes sind diese Tabellen oftmals durchzutickern. Je geläufiger dir das ist, desto mehr Zeit sparst du hier, die du an anderer Stelle in der Klassenarbeit sinnvoller einsetzen kannst.
  • Der “ablativus absolutus” ist nichts anderes als ein Ablativ. Die Hilfsübersetzung “unter der Rahmenbedingung dass” hilft in praktisch allen Fällen, sich einen Reim auf die Bedeutung des AA zu machen.
  • Latein liebt es, Bandwurmsätze zu machen und ganze Sätze dazu aneinanderzukleben. Ein “qui” (in allen seinen Deklinationsformen) reicht, um aus zwei Sätzen eines zu machen. Auch hier gilt: auf Latein verstehen lernen. Die Relativsätze im Deutschen sind anders strukturiert. Eine Deutsche Übersetzung davon bedeutet, den Satz umzustellen und Stück für Stück neu zu weben. Wenn du den Satz aber auf Latein schon verstehst, dann kannst du leicht beurteilen, ob die Übersetzung noch passt.
  • auf Deponentien achten: eine kleine Handvoll von lateinischen Verben hat passive Formen, aber aktive Bedeutung. “sequor” heißt “ich folge” und nicht “ich werde verfolgt”. Wer das vergisst, aber das Passiv erkennt, läuft u.U. weit in die Irre.

Fazit

Vielleicht hast du schon gemerkt: Sprachen machen mir viel Spaß. Es ist toll, in einer Fremdsprache denken zu können. Es ist schön, Filme im Original zu schauen. Und sowohl Latein als auch Französisch kann man können. Die Herausforderungen sind verschieden, aber meiner Meinung nach sind sie ähnlich schwer.

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